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Katherine Dunn – Binewskis (Verfall einer radioaktiven Familie)

8 Jul

Die Lektüre dreht sich ausschließlich um die Zirkusfamilie Binewski. Der lateinische Ursprung des Wortes “Zirkus”, heißt so viel wie “Kreis”, genau das ist die Macht des Buches. Die Gedanken drehen sich und man kommt auf keinen wirklichen Nenner, da man die Themengebiete des Buches, moralisch wie ethisch, nicht wirklich fassen kann.

 

Olympia “Oly” Binewski, ein Albino-Zwerg mit Buckel, erzählt in dem Buch die Geschichte ihrer weltfremden Familie. Olys Erzählung beginnt mit der Kontaktaufnahme der Eltern und der widernatürlichen Entstehung von Olys Geschwistern. Die Mutter, Lilian “Crystal Lil”, wird vom Vater Aloysius “Al” mit Drogen, Medikamenten und sogar Radium versorgt, um so Zirkusattraktionen zu erschaffen. Da wären etwa Arturo “Arty”, der Fischjunge, Electra “Elly” und Iphigenia “Iphy”, die siamesischen Zwillinge, sowie das jüngste Familienmitglied Fortunato “Chick”. Im Großen und Ganzen erfährt man wie die Familie den Zirkusalltag übersteht. Allerdings wird die Darlegung des Zirkusfamilienlebens, von Oly aus der Zukunft geschildert. Die geht nämlich auf die vierzig zu und arbeitet in einer Radioanstalt.

Arty liest ununterbrochen, wird dadurch sehr schlau und eloquent. Er mausert sich im laufe der Geschichte als zunehmend machiavellistisch und tyrannisiert geschickt seine Familie. Auch die anderen Charaktere (es tauchen ständig neue auf) werden in ihrer Gedanken- und Gefühlswelt beleuchtet, was dem Buch eine gewisse Authentizität verleiht.

 

Die Schreibweise eines Buches hat für mich einen höheren Stellenwert als die Geschichte selbst, darum hatte ich ganz großen Spaß beim lesen, da die Autorin wunderbar die Sätze metaphorisch verpackt und Simile an genau der richtigen Stelle setzt. Dadurch gewinnt die Narration an Plastizität und man hat ein genaues Bild des Geschehens und der Örtlichkeit vor Augen. Wahrscheinlich musste ich deshalb auch häufig an bestimmte Filme denken.

Überhaupt ist die Fantasie von Katherine Dunn grenzenlos, verquer und oft schockierend und pervers, aber dennoch faszinierend. Mit jedem Kapitel wird man vor den Kopf gestoßen, da immer etwas neues und unvorhergesehenes passiert. Die Kapitelüberschriften und die Namen der Protagonisten sind genauso mystisch, oft bizarr und findig gewählt, wie die Geschichte selbst. Auf jeder Seite passiert so viel, dass man pausieren muss um über das eben gelesene nachzudenken. Oft wird es Zeit für eine Denkpause, wenn Arty eine kluge Phrase von sich gibt und eloquent, philosophische Überlegungen über das Leben, die Welt und das Verhalten von Menschen (gerade gegenüber körperlich eingeschränkten) anstellt. Eine gewisse Portion Humor schwingt von Anfang an mit und dennoch ist das Buch teilweise verstörend. Andererseits fragt man sich auch, warum man an manchen Stellen indigniert ist.

 

Schon das pittoresk gestaltete Buch (die ZERO Werbeagentur erstellt eigentlich alle Umschläge mit viel Liebe), ein mit schwarz sich windenden Linien verzierter Umschlag, auf dem nach genauerem hinsehen das Schema eines Totenkopfes zu erkennen ist, lässt eine morbide und verschroben kuriose Geschichte erahnen. Der Titel ist auf einen Magentafarbenen Kreis gedruckt, was möglicherweise die radioaktive Komponente der Aufmachung ist.

 

Der Roman ist zweifellos lesenswert. Es gibt nur ein Faktum der mich störte und dieser ist subjektiv. Die Geschichte gibt einen von vorn bis hinten das Gefühl, sie könnte wirklich passiert sein oder noch passieren, da die Autorin alle Sachverhalte stimmig in Szene setzt und durchaus überzeugend auftritt. Doch eine Person entspringt eher einem Fantasyroman, was dem realen und vorstellbarem Charakter der Narration einen Dämpfer versetzt. Dennoch kann man sich mit diesem Protagonisten arrangieren und fragt sich zudem, weshalb die Autorin einen offensichtlich der stimmigen Handlung brechenden Charakter wählt.
Ein musikalisches Synonym zu finden, welches dem verwirrenden Roman gerecht wird, ist gar nicht so leicht. Vielleicht “Sick” von Chelsea Wolfe, oder doch lieber “Rubbles” von Moddi, oder “Undying Need To Scream” von Dillon, oder “The Intruder” von Greg Haines, oder “Center Of The Sun” von Eprom, oder …

 

Scott Hutchins – Eine vorläufige Theorie der Liebe

23 Apr

Zur Zeit scheinen Bücher, die die Facetten der Liebe ausleuchten wollen, en Vogue zu sein. Wahrscheinlich ist dem Leser die kalte Kopulation der gehypten Erotikliteratur langsam zu wider und einsilbig. Auch bei Hutchins Roman werden die Emotionen und Zwiespälte, die mit der Liebe einhergehen ausgeleuchtet. Allerdings wird es auf eine andere unpathetische Art und Weise narrativ Wiedergegeben, die keines Weges zu süß und larmoyant daherkommt.

 

In der Geschichte erzählt der Protagonist über sein derzeitiges Leben mit deren Tücken und Hürden und wie seine derzeitige Anstellung bei einem Projekt zur Erschaffung einer künstlichen Intelligenz dazu beiträgt seine Umgebung und sich selbst zu verändern.

Neill, der Ich-Erzähler und die Hauptperson des Midlife-Crisis-Romans, lebt geschieden und somit allein in San Francisco. Die Trennung von seiner Ex-Frau Erin setzt ihm noch immer zu, da er den genauen Grund der Scheidung auch nach längerer Zeit noch nicht kennt. Doch dann lernt er Rachel kennen, eine junge naive Blondine, die Neill eher unbewusst aus seinem psychischen Loch reißt.

Neben Rachel als Rettungsanker, hat Neill noch den Job im Silicon Valley, bei dem er aufgrund der insgesamt rund 5000 Seitigen Tagebücher seines  Vaters, unabdingbar ist, er selbst aber nicht genau weiß welche Funktion er bei dem Projekt spielt. Auf Grundlage jener Tagebücher, wollen Neill und seine beiden Partner eine künstliche Intelligenz erschaffen, die vom Menschen kaum zu unterscheiden ist. Dabei lernt er seinen Vater erst ausführlich kennen und sein bisheriges Leben nimmt eine ganz neue Tönung an.

Aufgrund Neills Taten und Nicht-Taten bei dem Projekt in Silicon Valley und in seiner Freizeit mit Rachel und anderen neuen Freunden, entwickelt er eine ganz eigene Sichtweise der Liebe und einen anderen Blick auf den Menschen.

 

Auch wenn der Buchmarkt momentan von Publikationen die um das angenehme Thema Liebe kreisen nahezu gesättigt zu sein scheint, der Debutroman von Scott Hutchins ist lesenswert und das nicht nur wegen der interessanten Thematik und der Fusion von Liebe in verschiedenen Auslegungen und künstlicher Intelligenz oder gar Robotik. Allein das flauschige Sprachbild welches Hutchins formt, trägt zu einem zügigen und angenehmen Lesefluss bei. Dennoch ist es ein kluges Buch. Doch Hutchins’ Duktus hat noch mehr zu bieten. Der Leser wird kraft des Schreibstils in die melancholische Stimmung von Neill versetzt, der etwas deprimiert scheint. Diese Macht der Sprache, Emotionen bei dem Leser auszulösen, bereitet ein ansehnliches Vergnügen beim lesen der Lektüre.

Harmonisch auch wie der Autor die Stadt San Francisco, deren Umgebung und die Einwohner beschreibt, sodass man einen Eindruck von der Atmosphäre und der Umwelt in und um der City erhält. Außerdem ist das Buch geeignet um einen Blick auf die heutige Generation zu werfen, da gerade die um die dreißig Jährigen, von Selbstzweifel und Unentschlossenheit geplagt werden, wie es auch bei dem Held der Geschichte der Fall ist.

Das Projekt, an dem Neill helfend arbeitet, konvergiert oft mit Google, da es auch auf eine technologische Singularität hinausläuft. Wer glaubt der Roman veranschaulicht futurologische Theorien zur künstlichen Intelligenz und den daraus resultierenden Trans- oder Posthumanismus, wird enttäuscht. Das Buch beleuchtet vielmehr Gemütsbewegungen, Emotionen und dem sich ergebenden Sozialverhalten.


Der Schutzumschlag wurde treffend zum Charakter und zur Thematik des Buches gestaltet. Die serifenlosen Majuskeln des Titels erweckt den Eindruck sie seien handgeschrieben. Das zum einen an einen mit Hand geschriebenen Liebesbrief oder vielmehr an die schöpferische Stadt San Francisco, an deren Schnelligkeit und Veränderungstrieb erinnert. Beim Schriftzug “Eine vorläufige Theorie der Liebe” ist jeder Buchstabe in einem anderen Farbton gehalten, dass auf die Verspieltheit (vielleicht schnöder Hedonismus?) oder auf die Hippies und Hipster der City hinweißt. Der schwarze Grund wiederum suggeriert eine melancholisch oder depressive Stimmung, der wohl einfach die Schattenseiten des Lebens in der Stadt wiederspiegeln soll. Am Fuß des Umschlags sind in unterschiedlichen Farben die Golden Gate Bridge, die Transamerica Pyramid und einige typische Hochhäuser, in denen eventuell die Protagonisten residieren, zu sehen. Man erkennt also gleich wo der Roman spielt und kann möglicherweise einen ersten Kontext ermitteln.

Jonas Winner – Der Architekt

24 Okt

 

Ein überaus angesehener Architekt hat angeblich, seine Frau und seine zwei Kinder, auf blutige Weise ermordet. Dieses Ereignis weckt in dem mäßig erfolgreichen Drehbuchautor, Ben Lindenberger, die Inspiration und die Leidenschaft für einen eventuellen Neuanfang. Mit vollem Elan und Tatendrang startet er in sein neues Projekt, dass nur in Zusammenarbeit mit dem in Untersuchungshaft sitzenden Architekten, Julian Götz, fruchten kann. Allerdings scheint Ben einige Situationen zu unterschätzen, denn plötzlich ist er in Gegebenheiten verstrickt, die so gar nicht zu Ben und seinem Vorhaben passen.

Der Debütroman von Jonas Winner, “Davids letzter Film”, konnte mich nicht wirklich überzeugen, obwohl die Idee sehr interessant war, die Umsätzung aber leider nicht. Daher war ich bei seinem zweiten Buch etwas skeptisch, was zu Beginn des Thrillers auch berechtigt war. Erst die zweite Hälfte, beziehungsweise das letzte Drittel, kann mit relativ gut durchdachten Handlungssträngen trumpfen. Wenn auch ab und zu gewisse Teile die Spannung dämpfen oder den Lesefluss schmälern.

Ziemlich lange fragte ich mich, beim lesen der Lektüre, wann denn nun die Merkmale eines Psychothrillers erkennbar werden, da man eher den Eindruck hat, einen Krimi in den Händen zu halten. Doch im laufe der Geschichte kristallisiert sich der “Psycho”-Faktor heraus. Dabei werden die eigenen Gedankengänge ebenso psychisch gefordert, denn das Buch ist von Anfang an äußerst verwirrend. Die Verwirrungen mindern das Lesevergnügen ungemein. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich diesen Punkt als negativ empfinde, da man so gezwungen ist Dinge ständig zu hinterfragen.
Hinzu kommt der wenig literarische Schreibstil, der schon im Debütroman mein Hauptmangel war. Jedoch kann ich nicht genau beschreiben, was mich an dem Stil eigentlich stört. Auf jeden Fall empfand ich den Satzbau oft recht gezwungen und wenig gelungen, die Dialoge sind selten bis nie herausragend.
Desweiteren kommen mir einige Handlungen sehr übertrieben vor, ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass Menschen Dinge tun, die sie im Buch tun. Andererseits machen Menschen in emotional und nervlich belastenden Situationen komische und kritische Dinge.

Die Gestaltung des Umschlags ist sehr gelungen. Als erstes könnte man denken, es handelt sich um ein SciFi Roman. Die zwei „Säulen“ wecken bei mir irgendwie Erinnerungen an Metropolis. Doch dann leist man „Der Architekt“ und assoziiert die zwei schwarz-weiß gestreiften, sich zum Zentrum hin verjüngenden Streifen, zu zwei großen Gebäudekomplexen. Das schwarz-weiß in Verbindung mit der doch recht dramatischen Gestaltung suggeriert auf jeden Fall, eine nervenaufreibende und düstere Geschichte. Hinzukommt das Rot des Satzes „Der Architekt“, dass eine gewisse Portion „Psycho“ in das Design legt und natürlich gleich eine blutige Handlung erahnen lässt.
Sehr angenehm ist auch die Art wie die Anordnung der Typografie umgesetzt wurde.

Im Großen und Ganzen sagt mir “Der Architekt” eher zu, als das Debüt von Jonas Winner. Ein Buch das lesenswert ist, aber man verpasst auch nichts, wenn man es nicht in die Hand nimmt. Eine ganze weile säuselt die Lektüre so dahin. Erst zum Ende werden die Zusammenhänge klarer und doch bleibt vieles ziemlich verwirrend. Doch gerade der letzte Teil hat mich positiv überrascht, da man richtig mitfiebern und miträtseln kann. Einwandfrei sind auch die Beschreibungen, Ideen und Überlegungen zu Architektur.

Das passende Musikstück zum Buch, wäre: “Outside Plum” von Clark. Einfach weil es die Unruhe und das Durcheinander, im Buch, wunderbar wiederspiegelt.

Leif Randt – Schimmernder Dunst über CobyCounty

20 Jul

Eine fiktive Stadt irgendwo im nirgendwo, in der alles formvollendet und schön ist und die Bewohner Spaß haben am treiben in CobyCounty teilzunehmen. Wim ist einer dieser Bewohner, und dennoch recht melancholisch gestimmt, der mit seinem besten Freund Wesley das pulsierende Leben in der Schönwetterstadt genießt und auf den Frühling wartet. Doch Wim weiß nicht so recht ob er diese Art zu leben auch wirklich will, ob ihn dieser möglicherweise hedonistische Lebensstil behagt. Fortan versucht Wim herauszufinden, welche Möglichkeiten die Existenz in einer solchen Welt noch für ihn offenbart.

Man findet sehr schnell in das Buch hinnein. Manchmal tauchen aber Sätze auf bei denen man nicht genau weiß, ob man sie richtig verstanden hat. Das vorwiegend wohl auch daran liegt, dass der Autor gerne mal ein paar Oxymorone einbaut und man erstmal etwas stutzt. Doch genau solche Mittel tragen zum fulminanten Schreibstil bei. Leif Randt schafft es eine ganz eigene Stimmung aufzubauen, der den Leser in die Gefühlswelt von CobyCounty einlullt, und auf die Story kommt es dabei gar nicht an. Zum Beispiel hat so gut wie jeder Satz am Ende eines jeden Kapitels, einen gewissen Charakter, eine gewisse Kraft in der Schriftsprache, die ich gar nicht zu beschreiben vermag.
Allerdings musste ich bei dem Buch oft an Musik denken. Viele Stücke bei denen die Stille nach dem letzten Ton einsätzt, hat man dieses Gefühl der Vollkommenheit, dass die Musik erst so richtig interessant macht. Solch ein Gefühl stellt sich auch im Text ein. Manchmal musste ich auch an Synkopen denken, doch das wäre jetzt zu weit hergeholt.
Ausserdem sind viele Sätze kurz gehalten, das für mich auf irgend eine Weise an der Form eines Tagebuchs erinnert.

Die Stadt CobyCounty ist Fiktion und man erfährt auch nicht in welcher Region sie liegen könnte und in welcher Beziehung der Ort zu anderen Gebieten steht. Aber den Bewohnern geht es gut und alle sind bester Laune. Dabei erinnert mich CobyCounty etwas an Ogygia, dort wurde Odysseus von bestimmten Pflanzen betört und hat die Umgebung als unglaublich bezaubernd wahrgenommen (wenn ich das richtig in Erinnerung habe).

Nicht nur der Inhalt ist eine Wonne, auch das Design und die gestalterische und drucktechnische Umsetzung ist makellos und überzeugend. Gänzlich in weiß und silber gehalten, wobei das Silber in die Vertiefung der Prägung gedruckt wurde. Allein wegen dieses haptischen Genusses ist der Kauf des Buches, gerade für Sammler, wünschenswert. Eine weitere Finesse bietet das Papier an sich, denn das hat eine attraktive Eigenschaft, die irgendwie das Gefühl von Feuchtigkeit in den Fingern weckt.

Auch wenn die kraftvolle Konstruktion der Sprache, zum Ende des Adolenszenzromans, etwas nachlässt, bleibt die Lektüre angenehm glänzend. Leif Randt versteht es zu schreiben, auch wenn manch einer behaupten könnte, dass der Lesestoff etwas oberflächlich ist.

Wenn ich dem Buch ein Musiktitel zuordnen sollte, würde ich spontan “The Gaudy Side Of Town” von den Gayngs wählen, denn das schwirrte mir ständig im Kopf herum.

Für mich bleibt das Buch ein MUST HAVE bzw. MUST READ! Daumen hoch.

(Hier noch ein tolles kleines Interview mit Leif Randt: http://de-bug.de/mag/8744.html)

John Friedmann – Flaschendrehen Furioso

20 Jul

Die Paare Heiko und Sandra, Lutz und Tina, Anna und Carlo, sowie Carlos Neusingle-Schwester Elli, buchen einen hoffentlich fabelhaften Urlaub in einer Villa in Italien. Leider landen alle ungewollt in dem gleichen Gebäude. Da die Paare unterschiedlicher nicht sein können, wird aus dem Urlaub eine Tortur. Doch es warten einige, positive wie auch negative, Überraschungen auf die Protagonisten…

John Friedmann, der mit dieser Lektüre beweist das er außer der Schauspielerei noch weiter Talente hat, schafft es mit einem sehr humorvollem und doch stellenweise recht gesellschaftskritischem Roman, den Leser zu fesseln.
Der Autor kann die jeweiligen Szenarien wunderbar bildlich in Text formen, sodass man eigentlich immer ein kleines Kino im Kopf hat und dadurch gar nicht mehr aufhören will zu lesen. Sehr angenehm ist auch wie mit dem Spannungsbogen umgegangen wird. Von sehr erheiternd bis hin zu kritisch, melancholisch und traurig, gleicht dieser eher einer Achterbahnfahrt. Trotz des sich anwachsenden emotionalen Spektrums, ist aber immer noch Platz für ein wenig humoristische Würze.
Aufgrund der vielen differierenden Charaktere reißt das Vergnügen beim lesen nicht ab. Auf alle Person wird eingegangen und sie werden auch sehr gut beschrieben, dadurch kristallisieren sich prompt die liebsten Hauptfiguren heraus. Hinzu kommt das sich die jeweiligen Perspektiven ändern und man so verschiedene Sichtweisen auf die Dinge erhält und man etwas Raum zum Luft holen bekommt. Dieser Wechsel ermöglicht es Friedmann, gesellschaftskritische Themen anzuschneiden und lässt das Buch eben nicht in einem hedonistischen Kontext stehen, wobei Hedonismus wohl doch obsiegt. Da es keine Kapitel gibt, haben die oft wechselnden Dialogen der Personen, den Vorteil, dass das Geschriebene nicht unter Langatmigkeit “leidet”.
Das Ende hat mich wiederum nicht recht überzeugt, doch nicht in dem Maße, dass ich sagen würde jenes Ende wäre völlig verrissen worden.

Schon die Gestaltung des Buches ist eines zweiten Blickes wert. Als ersten fallen natürlich die abgerundeten Ecken auf. Durch diese wird das Buch sicherlich in der Buchhandlung auffallen. Außerdem tragen die nicht vorhandenen Ecken irgendwie dazu bei, in Verbindung mit der Covergestaltung, eine sommerlich stimmende Lektüre zu suggerieren. Also eine runde Sache. Das Design des Covers spricht in erster Linie junge Menschen und angehende Erwachsende in der Adoleszenzphase an. Der weiße Stern, auf dem in attraktiven Lettern, der mit Titel und der Name des Autors bedruckt ist, weckt in mir Assoziationen von Web2.0. Die Kombination der ansehnlichen Zeichnungen (innen wie außen) und der Graustufen-Bilder ist ausgezeichnet und lädt zum fantasieren ein.
Generell bin ich ja der Meinung, dass Grün eine nicht sehr kreative Farbe ist. Doch hier passt die Farbe einfach und die grafische Leinenstruktur gibt dem ganzen einen gewissen Touch. Das Design ist gut gelungen, nicht zu überladen.
Normalerweise bevorzuge ich einen festen Einband. Das Buch kommt aber trotzdem recht stabil daher. Hervorragend ist auch, dass der Rücken nicht mit dem Buchblock verklebt ist, sodass keine hässlichen Falten beim lesen entstehen.
John Friedmann hat mit Flaschendrehen Furioso einen großartigen Debütroman vorgelegt, der wunderbar für laue Sommerabende geeignet ist. Wenn man mal Lust auf ein Buch hat, dass nicht so Komplex und schwer verdaulich ist, sollte man zu diesem Stück köstlicher Literatur greifen.

Wenn ich dem Buch ein Musiktitel zuordnen sollte, würde ich “Wax & Wire” von Loch Lomond wählen. Wobei “54-46 Was My Number” von Toots & The Maytals, auch passen würde.

Paul Torday – Charlie Summers

24 Jun

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So etwas macht die Finanzkrise.

Hector Chetwode-Talbot, von allen liebevoll “Eck” genannte, ist Broker, nein Trader, nein auch das nicht. Eigentlich hat Eck keinen “richtigen” Job und verdient trotzdem nicht schlecht, in dem Hedgefonds-Unternehmen seinens Freundes Bilbo.
Zu Beginn des Buches sieht auch alles prächtig aus in Ecks Leben und dem seiner Freunde und Bekanntschaften. Doch nach einem Jagdausflug mit seinen besten Freund Henry, treffen sie auf Charlie Summers. Oder, man sollte vielleicht ehr sagen Mr. Summers drängt sich in Ecks Leben. Von diesem Zeitpunkt an ändert sich das Leben langsam aber sicher für alle Menschen in Ecks, bzw. Charlies Umgebung.

Paul Torday hat einen grandiosen Roman über die Schattenseiten der Gesellschaft, vorrangig des Finanzsektors und deren Auswirkungen auf das Gemüt der betroffenen Menschen, zu Papier gebracht. Dabei versteht er es dem Leser durchweg zu unterhalten. Anfangs ist der Roman noch recht heiter, doch es schwirrt schon hier etwas Melancholie mit hinein. Diese melancholische Stimmung nimmt mit der Zeit zu, woran immer das fehlende Geld die Schuld trägt. Dennoch überzeugt der Plot mit Humor und gerade zum Ende des Buches, mit Spannung. Diese Mischung aus unterschiedlichen Stimmungen macht das Buch gerade so interessant.

Die Geschichte ist aus der Sicht von Eck geschrieben. Auf diese Weise erhält man eine subjektive Sicht der Dinge, was Torday, meiner Meinung nach, sehr gut umsetzt hat. Eck erzählt viel aus seinem Leben zu Beginn der Finanzkrise, aber auch immer wieder über Charlie. Doch obwohl das Buch “Charlie Summers” heißt, ist er nicht der Hauptprotagonist. Der Titel hat einen anderen Grund, den ich aber nicht verrate, da das Ende des Buches dann keinen Spaß mehr bringen wird.
Das switchen zwischen den jeweiligen Personen und deren Handlungen, lässt es nicht zu, dass einem das lesen zu ennuyant wird. Allerdings sind die Fachausdrücke, des Finanzjargons, manchmal etwas mühsam (aber Eck geht es genauso).

Torday legt hier eine durchdachte und informative Lektüre vor, die sich sich ein Finale erlaubt, dass man so nicht erwartet. Die Story ist gleichermaßen erheiternd und auch recht wehmütig.
Ich hatte Spaß.

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Jonathan Lethem – Chronic City

23 Jun

Ein wirklich surreales Buch.
Chase Insteadman und Perkus Tooth auf der Suche zu sich selbst und den Sinn des Lebens. Dabei erleben sie einige Abenteuer in „Chronic City“ (Marihuana Stadt) und kommen der Wahrheit näher. Chase kann diese Wahrheit nur nicht wirklich erkennen, bzw. will es gar nicht. Auf den Weg zu Chase‘ Erkenntnis lernt er einige Personen/ Freunde kennen, die am Stadtgeschehen und einigen Intrigen beteiligt sind. Daraus entwickelt sich dann so etwas wie eine Selbsthilfegruppe.
Mir hat das Buch recht gut gefallen. Lethem’s Schreibstil verleitet zum Weiterlesen, doch stellenweise ist es etwas anstrengend. Die Geschichte ist ziehmlich wirr und teilweise nicht richtig verständlich, aber das hindert nicht am Lesevergnügen. Nicht nur der Inhalt hat mich überzeugt, auch die gelungene Verarbeitung mit schöner Prägung auf dem Titel und passenden Design, ist sehr ansprechend.
Die Meinungen über dieses Buch sind sehr gespalten, doch ich kann es trotzdem empfehlen. David Foster Wallace – Leser werden es mögen.